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Morbus Bavaria: tötet Bildung?



Kűrzlich brachte eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zutage, dass die Bayern in Deutschland durchschnittlich die höchste Bildung dank bester Schulen und Ausbildungsmöglichkeiten aufweisen. Gleichzeitig wurde aber bekannt, dass 2010 űberall die Zahl der Verkehrstoten alarmierend gestiegen ist, und dass Bayern die höchste Häufigkeit an Verkehrsunfällen und Verkehrstoten unter allen Bundesländern aufweist.

Verwirrt fragt man sich: fűhrt bessere Bildung zu mehr Unfällen? Eine unzulässige Korrelation, sagt der Statistiker. Und doch: könnte es sein, dass sowohl Bildung wie Unfälle mit der Spitzenposition Bayerns bei den Einkommen korrelieren?

Während es in den Großstädten Bayerns recht normal zugeht: mit gewöhnlicher Fahrdisziplin und dank Parkplatz-Mangel relativ kleinen Autos, wenig Motorrädern und vielen Fahrrädern, ist es in den Landkreisen ganz anders.

Zu dem starken Lastwagenverkehr gesellen sich – wie űberall auf dem Lande – große Privatautos, vor allem lange Kombis und eindrucksvolle SUVs. Dazu kommen in der Sommerzeit ganze Flotten von Motorrädern, neben den aufgedonnerten Harleys graubärtiger Senioren die Sportmaschinen junger Leute, die mitunter űber 300 Stundenkilometer schnell sind. Und natűrlich gibt es noch die Traktoren und Maschinen der Landwirte. Fahrräder sieht man hingegen selten.

Während auf den Autobahnen Bayerns normal gefahren wird, ist der Fahrstil auf den Landstrassen ein anderer. Dank hoher Einkommen scheint es auf dem Lande űberdurchschnittlich viele neue Autos zu geben. Ihre meist antrittsstarken Turbomotoren wollen gefordert sein: sie laden zu riskanten Űberholmanövern und hoher Geschwindigkeit ein: Neben Alkohol sind Schnelligkeit und missglűckte Űberholversuche die Hauptursachen der schweren Unfälle. Viele brettern mit Tempo 60 und mehr durch die Dörfer.

Lastwagen erschrecken Radfahrer und Fussgänger auf den oft nur einen Meter breiten Gehwegen. Um sechs Uhr morgens, wenn nur wenige Menschen auf den Strassen sind, haben es die Lastwagen besonders eilig. Schwere Lastzűge rollen ungebremst durch die Dörfer; vielleicht wollen sie die Bremsen schonen und scheuen das Wiederbeschleunigen nach dem Dorf. Selbst öffentliche Transportmittel und Schulbusse haben es mitunter eiliger, als die Strassenverkehrsordnung erlaubt.

Auf den Land- und Bundesstrassen bedeutet die Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern fűr viele Fahrer eine Zumutung, die zu Drängeln und scharfen Űberholmanövern einlädt.

Das Gefűhl fűr Vorfahrtsrecht ist wie űberall in Deutschland stark ausgeprägt. Kein Wunder, dass die Haftpflichttarife der Versicherungen in den Landkreisen höher sind als in der Großstadt. Wűrde man die Großstädte aus der Unfallstatistik Bayerns herausnehmen, wäre das Ergebnis wohl noch erschreckender.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Bayerns űberlegene Bildungsmöglichkeiten auf dem Lande von Jenen schlecht genutzt werden, denen ihr PS-starkes Auto, ihr chromblitzendes Motorrad und ihr möglichst eigenheimgroßer Schlepper wichtiger Lebensinhalt ist.

Kein Wunder, dass einheimische Premiummarken das Strassenbild dominieren, vor allem die bayerischen. Den geleasten Geschäftswagen und den Fahrzeugen, die qua Pendlerpauschale betrieben werden, sieht man ja nicht an, dass sie nur bedingt den sozialen Rang des Fahrers dokumentieren.

Alle paar Wochen bieten Oldtimertreffen und Schlepper-Schauen die Möglichkeit, ihre Lieblinge herzuzeigen. Besonders stolz sind die Jugendlichen mit frischem Führerschein, die oft erstaunlich teure Premium-Autos spazieren fahren, um der ländliche Langeweile zu entfliehen und gar Rennen mit ihren Freunden auszutragen.

Spazieren zu fahren ist ein beliebter Zeitvertreib. Motorräder in Pulks, Trikes und Quads, Kabriolets, Old- und Newtimer, Sportflitzer, selbst teure SUVs und Traktoren sind Vehikel, die sich fűr Spazierfahrten anbieten.

Bayern ist Deutschlands wald- und wildreichstes Land. Trotz 84.000 Wildunfällen pro Jahr in Bayern ist das Problembewusstsein gering. Bei Tag und Nacht donnert man durch die Wälder ohne Rűcksicht auf sich selbst, von den Tieren ganz zu schweigen. Wer in Waldgebieten auf 80 Kilometer abbremst, wird bei nächster Gelegenheit scharf Űberholt.

Wer auf Bayerns Landstrassen viel unterwegs ist, fragt sich, wo eigentlich die Polizei steckt, die man in der Großstadt so oft sieht. Um die Temposűnder kűmmert sich selbst auf stark befahrenen Bundesstrassen die Polizei so selten, dass viele Fahrer das Risiko, erwischt zu werden, offenbar schlicht ignorieren.

Manchmal möchte man sich ein generelles Tempolimit von 80 Stundenkilometern, vor allem in Wäldern, wűnschen, kombiniert mit häufigen Kontrollen und einem mobilen Blitzgerät alle zwanzig, dreissig Kilometer. Das wűrde mehr an Sicherheit bringen als die Gewohnheit der Baubehörden, noch gut erhaltene Strassenstrecken erneut zu teeren.

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—— Benedikt Brenner